Pierwsze myśli po wyborach prezydenckich w Polsce

Artykuł w języku niemieckim i angielskim (angielski niżej)/Artikel in Deutsch und Englisch (Englisch weiter unten)/Article in German and English (English below)

Von Prof. Dr. Gavin Rae, Soziologe, Professor an der Kozminski-Universität in Warschau, Leiter des linken Thinktanks Vorwärts (Naprzód)

Erste Überlegungen zu den Präsidentschaftswahlen in Polen

1. Die Dominanz des Duopols von der national-populistischen Partei Recht und Gerechtigkeit ( Prawo i Sprawiedliwość , PiS) und der liberalen Bürgerkoalition ( Koalicja Obywatelska, KO) ist geschwächt, aber nicht gebrochen. Zusammen erzielten Rafał Trzaskowski, KO (31 %) und Karol Nawrocki, PiS (30 %) knapp über 60 % der Stimmen. Das ist der niedrigste Stimmenanteil seit Beginn ihrer politischen Dominanz Anfang der 2000er Jahre. Vor fünf Jahren lag der Stimmenanteil noch bei 73 %.

2. Die „Gewinner“ dieser Wahlen sind die Rechtsextremen. Sławomir Mentzen von der Konfederation (Konfederacja) (mit 15 %) und der ehemalige Konfederacja-Politiker Grzegorz Braun (mit 6 %) erhielten insgesamt über 21 % der Stimmen. Mentzen war der mit Abstand beliebteste Kandidat unter jungen Wähler*innen. Diese „neue“ extreme Rechte ahmt andere Parteien in Europa nach, beispielsweise die AfD. Sie verbindet ihren extrem autoritären Konservatismus mit einem sozialdarwinistischen Neoliberalismus, der den „Starken“ Wohlstand beschert und die „Schwachen“ ausgrenzt. Sie verkörpert die neoliberale Ideologie, die in Polen seit drei Jahrzehnten propagiert wird, in ihrer extremsten, wenn auch vielleicht ehrlichsten Form.

3. Die polnische Linke hat ihr bestes Ergebnis bei einer Präsidentschaftswahl seit 2010 erzielt. Die drei linken Kandidat*innen erhielten zusammen rund 10 % der Stimmen. Die wichtigste Erkenntnis aus diesen Ergebnissen für die Linke ist, dass zum ersten Mal seit 1989 ein Kandidat einer Partei, die nicht aus dem „postkommunistischen“ Lager stammt, den größten Stimmenanteil der Linken erhalten hat – Adrian Zandberg von Zusammen (Razem) mit fast 5 %. Seine wichtigste linke Konkurrentin, die ehemalige Razem-Co-Vorsitzende Magdalena Biejat, die nun für die etablierte sozialdemokratische Neue Linke (Nowa Lewcia, NL) kandidierte, erhielt etwas über 4 %. Sicherlich ist das kein Durchbruch, da sie fast gleichauf liegen; aber es ist symbolisch wichtig und stellt einen möglichen Wandel im linken Lager dar. Razem führte einen sehr energischen und innovativen Wahlkampf, nutzte die sozialen Medien mit großem Erfolg und erzielte den zweithöchsten Stimmenanteil (19 %) unter jungen Wähler*innen. Sie profitierten davon, nicht an Tusks Regierung beteiligt zu sein (im Gegensatz zu Biejat und Nowa Lewica ) und präsentieren sich als Anti-Establishment-Alternative von links. Zandbergs Ankündigung, keinen Kandidaten in der zweiten Runde zu unterstützen, zeigt, dass Razem diese Strategie fortsetzen wird. Der Inhalt ihres Wahlkampfs war linkspopulistisch – links in dem Sinne, dass sie Dinge wie den Bau von Wohnungen und Investitionen in das Gesundheitssystem versprachen; populistisch, weil sie das sehr heikle Thema der Verteidigungsausgaben Polens von fast 5% seines BIP nicht ansprachen. Diese Position ist vielleicht bei einer Präsidentschaftswahl haltbar, bei der der Kandidat um ein paar Prozentstimmen konkurriert, aber darüber hinaus ist sie nicht schlüssig. Ich fürchte, man nicht gleichzeitig Brot und Waffen haben. Die erfahrene sozialdemokratische Politikerin Joanna Senyszyn , die als Unabhängige antrat, erhielt 1 %.

4. Eine überschlägige Berechnung lässt vermuten, dass Nawrocki angesichts des starken Stimmenanteils für die extreme Rechte die Stichwahl gewinnen wird, obwohl dies alles andere als sicher ist. Wir werden sehen, wie Trzaskowski die Stichwahl angeht. KO gewann die Parlamentswahlen 2023, indem sie eine große Zahl von Menschen mobilisierte, die mit der PiS unzufrieden waren , und indem sie vielen Fragen eine Wende nach Links vollzog. Das Problem ist nun, dass Tusks Regierung sehr wenig erreicht hat, und es überrascht nicht, dass er während dieses Wahlkampfs praktisch unsichtbar war. Zweitens hat die KO in Fragen wie den Rechten von Migrant*innen eine extrem rechte Position eingenommen, die auf einen Sieg abzielt, indem sie die Sprache der extremen Rechten übernahm und Maßnahmen wie die Abschaffung des Asylrechts für einige Flüchtlinge forderte. Eine der ersten Ankündigungen in Trzaskowskis Wahlkampf war seine Unterstützung für die Streichung des Kindergeldes (800 PLN/190 EUR pro Kind) für nicht erwerbstätige geflüchtete Ukrainer*innen. Trzaskowski hofft bei dieser Wahl auf die Unterstützung linker und bürgerlicher Wähler*innen. Er befürchtet, dass ihm im Falle eines Wahlsiegs Nawrockis in ein paar Jahren eine PiS -Konfederacja-Regierung gegenüber stehen könnte (was tatsächlich das wahrscheinlichste Ergebnis ist). Sollte Trzaskowski jedoch weiterhin Konfederacja-Stimmen hinterherjagen, könnte er in zwei Wochen feststellen, dass viele linke und bürgerliche Wähler*innen zu Hause bleiben werden. Die Wahl wurde auf der rechten Seite ausgefochten und wird wahrscheinlich auch von der Rechten gewonnen werden.

Some reflections on last night’s presidential elections in Poland

By Prof. Dr. Gavin Rae, sociologist, professor at the Kozminski University in Warsaw, head of the left-wing think tank Forward (Naprzód)

1. The duopoly between Law and Justice (Prawo i Sprawiedliwość, PiS) and Civic Coalition (Koalicja Obywatelska, KO) is weakened but not broken. Together Rafał Trzaskowski, KO (31%) and Karol Nawrocki, PiS (30%) gained slightly over 60% of the vote, the lowest since they started to dominate politics in the early 2000s. This is down from 73%, five years ago.

2. The 'winners’ of these elections are the far-right. Sławomir Mentzen from Confederation (Konfederacja) with 15% and former Konfederacja politician Grzegorz Braun with 6% have won over 21% of the vote. Mentzen was by far the most popular candidate amongst young voters. This 'new’ far-right replicates other parties in Europe like the AfD. It combines its extreme authoritarian conservatism with a social darwinian libertarianism where the strong should prosper and not be held back by the 'weak’. It encapsulates the neo-liberal ideology that has been propagated in Poland for the past three decades in its most extreme although perhaps honest form.

3. The left has gained its best result in a presidential election since 2010. The combined votes for the three left-wing candidates was around 10%. The major take home from these results for the left is that it seems for the first time in any election since 1989 a candidate from a party which is not derived from the 'post-communist’ camp has won the highest share of the left vote – this is Adrian Zandberg of Together (Razem) who won almost 5%. His main left competitor, former Razem comrade Magdalena Biejat, who represented the mainstream social democratic New Left (Nowa Lewcia, NL) won a bit over 4%. Sure this is not a knock-out blow as they are almost neck and neck, but it is symbolically important and represents a potential change on the left. Razem ran a very energetic and innovative campaign, using social media to great effect and winning the second highest percentage of votes (19%) amongst young voters. They benefited from not entering Tusk’s government (unlike Biejat and Nowa Lewica) and presenting themselves as an anti-establishment alternative from the left. Zandberg’s announcement that he will not back any candidate in the second round shows they will continue this strategy. The content of their campaign was left-populist – left in the sense that they promised such things as building housing and investing in the health care system; populist that they did not touch the very thorny issue of Poland spending almost 5% of its GDP on defense. This position is perhaps sustainable in a presidential election where the candidate is competing for a few percentage votes but beyond this it is not coherent. You can’t have your bread and guns I’m afraid. The veteran social democratic politician, Joanna Senyszyn, standing as an independent, won 1%.

4. A back of the envelope calculation would say that with the strong vote for the far-right it is likely that Nawrocki will win the second round, although this is far from certain. We shall now see how Trzaskowski shall approach the second round. KO won the parliamentary elections in 2023 by mobilizing large numbers of people who were dissatisfied by PiS and tacking left on many issues. The problem now is that Tusk’s government has achieved very little and it is little wonder that he has been virtually invisible during this campaign. Secondly, KO have taken an extreme right-win stance on issues such as migrant rights, adopting the language of the far-right and introducing policies such as cancelling the right of some refugees to asylum. One of the first announcements of Trzaskowski’s campaign was stating his support for taking away child benefits (800+) from Ukrainians that do not work. Trzaskowski will hope that left and center voters will back him during these elections, fearful that if Nawrocki wins he will be joined in a couple of years by a PiS-Konfederacja government (the most likely outcome in fact). However, if Trzaskowski continues to chase Konfederacja votes, then he may well find out that many left and center voters will decide to stay at home in two weeks. The election has been fought on the right and will probably end up being won on the right.